Sucherkameras

Mitte der 50er Jahre, als das deutsche Wirtschaftswunder so richtig in Schwung kam, konnten sich viele Menschen das zuvor teure Hobby „Photographie“ leisten. Auch die immer grĂ¶ĂŸere Verbreitung des 135er Kleinbildformats fĂŒhrte zu einer Abkehr der aufwĂ€ndig zu bauenden Klappkameras hin zur starren Sucherkamera wie wir sie auch heute noch kennen. AusgerĂŒstet mit einem Zentralverschluss Objektiv mit 45-50mm Brennweite und bei Luxusmodellen mit Belichtungs- und Entfernungsmesser kam es entscheidend auf die GĂŒte des verbauten Objektivs an ob die Kamera ansehnliche Bilder produzieren kann. Hier nun eine kleine Auswahl verschiedener GerĂ€te aus den Jahren 1954 bis 1980


Zeiss Ikon Contax IIIa

Die mit Abstand teuersten Kleinbild Sucherkameras im Jahre 1954 waren die Contax Modelle von Zeiss Ikon. Schon vor dem zweiten Weltkrieg erfolgreich am Markt, wurden pĂŒnktlich zur WĂ€hrungsreform die neukonstruierten Exemplare vorgestellt. Als Systemkamera mit wechselbaren Objektiven; Zubehör das nahezu alle fotografischen Aufgaben lösbar machte und mit einer unvergleichlichen StabilitĂ€t ausgestattet ging die Kameraserie mit einem Preis der einem viertel VW-KĂ€fer entsprach, an den Markt. Hier ist das Fachbuch: „Auf den Spuren der Contax“ von H.-J. Kuc zu empfehlen, das detailliert die Entwicklung dieses Kamerasystems beschreibt. Die hier gezeigte Contax IIIa ist selbst nach 65 Jahren ein gern benutzter Fotoapparat der durch den prĂ€zisen Entfernungs- und den ausreichend genauen Belichtungsmesser gute Ergebnisse liefert.


Zeiss Ikon Contina Ia

Als Einsteigermodell wurde ab 1955 die Contina 1a vermarktet. Sie löste die aufwendig zu bauenden Klappkameras der ersten Nachkriegsjahre erfolgreich ab. Anfangs hatte die Contina  eine gestreifte Chromfront und den Blitzanschluss schrĂ€g am Objektiv. Ab 1956 wurde das geĂ€ndert. 1957 wurde auch der viel zu kleine Sucher vergrĂ¶ĂŸert. Eine Contina mit „Pantar“ Wechselobjektiven kam auch in diesem Jahr auf den Markt. Das an meiner Kamera verbaute Novar Objektiv mit einer LichtstĂ€rke von 1:3,5 ist eine dreilinsige Konstruktion, die bei ausreichend Licht recht gute Ergebnisse bringt. Ein weiterer Vorteil dieser Kamera ist der sehr leise Verschluss der ein diskretes Fotografieren erlaubt.


Zeiss Ikon Contina IIa

Meine schöne Contina IIa mit eingebautem Zweibereichs-Belichtungsmesser war 1956 das Aufsteigermodell bei Zeiss Ikon. Ein fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse scharfzeichnendes Objektiv mit einer LichtstĂ€rke von 1:2,8 und genĂŒgend Spielraum in den Belichtungszeiten (1s-1/300s) sollten ausreichen um gute Bilder zu machen.
Das klassische eckige Zeiss Ikon Design mit den schön gerĂ€ndelten Bedienknöpfen ist immer noch eine Ikone des deutschen Kamerabaus. Der Lichtwert wird ĂŒber farblich gekennzeichnete Skalen abgelesen und am Objektiv eingestellt. Dann kann ĂŒber den viel zu kleinen Suchereinblick der Bildausschnitt gewĂ€hlt werden. Bei der Einstellung des Abstandes musste man sich auf sein Augenmaß verlassen, da leider kein Entfernungsmesser eingebaut war.


Zeiss Ikon Contessa Matic E

Einen Stilwechsel vollzog die Fa. Zeiss Ikon bei ihren Sucherkameras Anfang der 60er Jahre. Hier anhand einer Contessa matic_E gezeigt. Der klassische Backstein wich einer abgerundeten fast schon weichgespĂŒlten Form. Auch der Name Contessa wurde nach 5 Jahren wieder aus der Versenkung geholt, der skurille Charme der Klappkamera wurde jedoch nicht mehr erreicht.
Trotzdem ist diese Kamera exzellent ausgestattet. Ein gekuppelter Entfernungsmesser, eine NachfĂŒhr-Belichtungsanzeige die im Sucher sichtbar ist und das Zeiss-Tessar Objektiv machen das Fotografieren selbst heute noch zu einem VergnĂŒgen. Der Prontor SLK Verschluss erlaubt Belichtungszeiten bis zur 1/500 Sekunde. Von diesem Baumuster gab es etliche Contessas, von der einfachsten ohne E-Messer und abgespeckten VerschlĂŒssen bis zur vollautomatischen Tenax. Mitte der 60er Jahre wurde auch die Konkurrenz bei den Einsteigerkameras immer grĂ¶ĂŸer, so dass die Fa. Zeiss Ikon ihre relativ hochpreisigen Kameras immer schwerer absetzen konnte.


Zeiss Ikon Contessa S 310

Eine gemeinsame Entwicklung mit der Fa. VoigtlĂ€nder, die seit 1956 zur Firmengruppe gehörte sollte anfangs der 70er Jahre fĂŒr bessere UmsĂ€tze sorgen. Die Zeiss Ikon Contessa S 310  bot erstmals bei Zeiss Ikon Sucherkameras einen elektrischen CdS-Belichtungsmesser und eine elektronische Verschlusszeitensteuerung mit automatischen Zeiten von 4sec. bis 1/500sec in einem kompakten GehĂ€use, das die Form der 50er Jahre wieder aufgreift. Einzig das Vorlaufwerk fĂŒr den Selbstauslöser funktioniert noch mechanisch.
SerienmĂ€ĂŸig wird die Energieversorgung ĂŒber 4 Knopfzellen PX625 sichergestellt. Mit einem kleinen Eingriff in den Batteriehalter kann aber eine wesentlich preiswertere 3 Volt Batterie verwendet werden.
Dieses kleine aber recht schwere Modell konnte den Niedergang jedoch nicht aufhalten. 1972 wurde die letzte Zeiss Ikon Kamera hergestellt.


Springen wir zurĂŒck ins Jahr 1948. Der 2. Weltkrieg ist seit 3 Jahren verloren, die Teilung Deutschlands zeichnet sich ab. Im Dresdener Stammwerk der Zeiss Ikon Werke wird von den sowjetischen Besatzern fleißig demontiert, in Stuttgart wird die Fa. Zeiss Ikon neu ins Handelsregister eingetragen und beansprucht alle Namensrechte.


Zeiss Ikon Taxona (DDR)

Derweil wird in Dresden die Vorkriegs-Tenax in bescheidenen StĂŒckzahlen wieder gebaut. Im Jahre 1953 muss die Kamera aufgrund der Namensrechte in Taxona umbenannt werden und bekommt als Zugabe einen fest montierten Sucher, ein Tessar Objektiv und einen volkseigenen Verschluss: den Tempor mit einer kĂŒrzesten Belichtungszeit von 1/300sec.

Die Taxona ist ein hĂŒbsches kleines Maschinchen, das trotz seiner geringen GrĂ¶ĂŸe eine Menge Gewicht auf die Waage bringt. Das Negativformat ist mit 24x24mm quadratisch ausgelegt, so dass sich der Wechsel von Hoch- zu Querformat erĂŒbrigt. Das Tessar bringt in Verbindung mit der kurzen Brennweite von 37,5mm ein GrĂ¶ĂŸtmaß an SchĂ€rfe. Eine Kamera zum ĂŒberallmithinnehmen. Leider fehlt ein angebauter Zubehörschuh. so dass man sich mit einer Blitzschiene behelfen muss. Ein beliebtes Extra war der Drahtauslöse-Anschluss, der Belichtungen mit Langzeiten bequem möglich macht.


Zeiss Werra II

Ein weiteres Highlight aus der ehemaligen DDR Produktion war die Werra Serie. 12 Jahre lang fertigte der Optik Hersteller Carl Zeiss in Jena Kameras, dies geschah in Eisfeld auf einer demontierten Fertigungsstraße der Fa Bruhns aus Hamburg. Diese Kameraserie kam 1954 auf den Markt und unterschied sich teils extrem vom Wettbewerb. FĂŒr das schlichte Design erhielt Carl Zeiss spĂ€ter eine Auszeichnung. Nichts stört das funktionelle GehĂ€use, alle Funktionen sind direkt am Objektiv untergebracht, auch das Spannen des Verschlusses und der Filmtransport. Der Verschlussaufzug und Filmtransport geschieht bei den Werra Kameras mit dem Drehring um das Objektiv. Hat man sich mit der Bedienung der Kamera erst einmal angefreundet, lĂ€sst sie sich unheimlich schnell mit einer Hand bedienen. Das RĂŒckspulrad und die Filmmerkscheibe sind auf der Kameraunterseite angebracht. Die grĂŒne GehĂ€usefarbe war Standard und keine MilitĂ€rausfĂŒhrung, schwarze Kameras sind eher selten anzutreffen. Der Belichtungsmesser der Werra hat eine Lochklappe, die bei schlechten LichtverhĂ€ltnissen aufgeklappt werden sollte. Eine Rechenscheibe fĂŒr den abgelesenen Lichtwert befindet sich an der RĂŒckwand. SpĂ€ter wurden sogar Wechselobjektive und eine Belichtungsautomatik realisiert.


Kodak Retinette 2B

Ein wirklich schönes StĂŒck deutscher Kamera-Geschichte ist die Retinette II B der Fa. Kodak, die bis ca.1958 produziert wurde. Obwohl die Firma amerikanischen Ursprungs ist wurden die besten Kameras im ehemaligen Nagel Werk in Stuttgart hergestellt. Diese Retinette II B kann mit einem Synchro-Compur Verschluss, der Zeiten von 1sec. bis 1/500sec. erlaubt und einem 4-Linsigen Schneider-Kreuznach Reomar Objektiv glĂ€nzen. Der Selen Belichtungsmesser funktioniert wie am ersten Tag, die Bilder die ich mit dieser Kamera gemacht habe sind durchweg gelungen.
Leider wurden bei Kodak ab Anfang der 60er Jahre nur noch Einfachstkameras (Instamatic) produziert, die lange Tradition der QualitÀt war nicht mehr verkaufsfÀhig. Anzumerken ist noch, dass die Retinette II B den mit Abstand leisesten Verschluss all meiner Kameras hat.


Kodak Retinette 1B

Hier die kleine Schwester: die Kodak Retinette 1B. Sie hat, anders als an der Retinette IIB einen im Sucher sichtbaren Belichtungsmesser aber dafĂŒr einen preisgĂŒnstigeren Kamera-Verschluss ohne Langzeiten und eine vorwiegend aus Kunststoff bestehende Filmtransport-Mechanik die auch der Grund fĂŒr viele defekte Retinettes ist. Hilfreich fĂŒr die Entfernungseinstellung ist die rastende Vorauswahl der gebrĂ€uchlichsten Entfernungen. (Portrait, Gruppe und Unendlich) AuffĂ€llig an der Kamera ist die starke RosafĂ€rbung des hellen Suchers.


Agfa Silette mit Agfalux Blitz

Mit dieser Kamera lernte die junge Bundesrepublik das fotografieren: 1954 wurde die langerwartete Agfa Silette vorgestellt.
Ihre Tagesproduktion betrug zeitweise 2.400 Exemplare, das entspricht ca. einer 3/4 Million Kameras im Jahr! Diese Kamera wies schon einen Schnell-Schalthebel auf, damit war der Verschlussaufzug mit dem Filmtransport gekoppelt.
Im Laufe ihrer Produktionszeit erfuhr sie zahlreiche undokumentierte Verbesserungen im Detail. DarĂŒber hinaus gab es sie ebenfalls mit verschiedenen Objektiven und VerschlĂŒssen, so wie seinerzeit bei praktisch allen Herstellern ĂŒblich. Meine noch sehr schöne Agfa aus der ersten Serie beweist dass auch sogenannte Billigkameras solide verarbeitet sein können. Die BildqualitĂ€t reicht zwar nicht ganz an die Zeiss Ikon oder Kodak heran, sie ist jedoch eine leichte, handliche Kamera die auch nach ĂŒber 55 Jahren klaglos ihren Dienst tut.


Rollei 35 S

Die Rollei 35, konstruiert von Heinz Waaske, wurde 1966 vom Braunschweiger Kamerahersteller als damals kleinste Kleinbildkamera der Welt vorgestellt. Kaum grĂ¶ĂŸer als eine Schachtel Zigaretten (Höhe 9,7 cm * Breite 6 cm * Tiefe 3,2 cm, ca. 375 g) war sie eine Revolution zu ihrer Zeit. Bis heute ist sie die kleinste vollmechanische Kamera fĂŒr handelsĂŒbliche Kleinbildfilmpatronen.
In etwa 30 Produktionsjahren wurden – alle Modelle zusammengenommen – ungefĂ€hr 2 Millionen Exemplare hergestellt. Über die Rollei 35 und ihre Entwicklung sind ganze BĂŒcher geschrieben worden, so dass sich eine weitere Beschreibung an dieser Stelle erĂŒbrigt. Nur soviel: Es ist eine wunderbare Kamera mit einer ganz eigenen Logik die  mit ihrem sechslinsigen Sonnar – Objektiv fĂŒr scharfe Aufnahmen bĂŒrgt.


Rolleimatic mit Rollei 100 XLC Blitz

Eine weitere interessante Konstruktion von H. Waaske ist die Rolleimatic aus dem Jahre 1980. Die Fa. Rollei stand zu dieser Zeit kurz vor dem finanziellen Aus und es musste so schnell wie nur möglich ein Bestseller in die Produktion gehen. Vom Grundsatz her entsprach die Rolleimatic den hochgesteckten Zielen, jedoch wurde die Serienfertigung ohne ausreichende Erprobung gestartet. Die Folge: kaum eine Kamera funktionierte wie sie sollte, vor allem die Elektronik musste stĂ€ndig nachgebessert werden. Nach nur einem Jahr Produktion im Rollei Werk Singapur und ca. 30.000 Einheiten war Schluß.
Das zentrale Konstruktionselement ist die Multifunktionsschwinge. Im geschlossenen Zustand dient sie als Schutz fĂŒr den Sucher und das Objektiv. Mit der Schwinge wird zusĂ€tzlich das Objektiv (Rolleinar f/2.8 38mm ) ein- und ausgeschoben, sowie der Film transportiert. Der Verschluss arbeitet in einem Zeit/Blendenprogramm von 1/500sec f/16 bis 4sec f/2,8. Im Sucher sichtbare LEDs warnen vor Langzeiten ab 1/30sec die evtl. ein Stativ erforderlich machen.


VoigtlÀnder Vito B

Die VoigtlĂ€nder Vito B wurde von 1954 (mit kleinem Sucher) bis ca. 1960 erfolgreich verkauft. Die solide und handliche Kamera fand durch ihre gefĂ€llige Form und das anerkannt gute Color Skopar 1:3,5/50mm Objektiv im Prontor Verschluß mit Lichtwerteinstellung viele Freunde.
Typisch fĂŒr die Vito B war die „auf dem Kopf stehende“ BildzĂ€hlanzeige die aber vom Fotografen durch leichtes Neigen der Kamera gut abzulesen war.
Ein fĂŒr alle Blitzarten synchronisierter Anschluß und ein Vorlaufwerk runden den insgesamt guten Eindruck dieses Modells ab.

 


Weiter bei Spiegelreflexkameras oder Startseite